Wolle

Stock und Stein

Als Astrid Lindgren 1978 den „Frankfurter Friedenspreis" verliehen bekam erzählte sie folgende Geschichte über eine Bekannte:

„Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an den Bibelspruch glaubte: "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben." Im Grunde ihres Herzens glaubte sie nicht daran, sie liebte ihren Jungen und erzog ihn mit Liebe. Aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte. Die erste in seinem Leben!

Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da fing auch die Mutter an zu weinen, denn sie sah nun alles mit den Augen des Kindes. Der Sohn musste gedacht haben: "Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein." Sie nahm ihren Sohn in die Arme und legte den Stein auf ein Bord in der Küche. Und dort blieb er auch bis heute als ständige Mahnung: „Nie wieder Gewalt!"

Der Mensch als Industriepalast



[via]

Felix

In jener Nacht im Dezember, in der er seine erste dekadente Party in Berlin feierte, gab es ein Menü von Spargelschaumsüppchen, Jakobsmuschelfilets und Lardo, hernach süße Törtchen und zu alledem viel trockenen Roten, nach diesem Tag, den er mit hochtrabenden Gesprächen und schwerwiegenden Entscheidungen begonnen hatte und der sich nun allmählich im rotblauen Schummerlicht des Clubs in tanninhaltige Erinnerungen verflüssigte. Das war ein gutes Gefühl und während er seinen Gedanken noch beim Verklären zuschaute, verflüssigte sich auch die Tischordnung. Nach dem letzten Törtchen falteten Keller die zuvor aufwendig geschmückten Tische zusammen, der Raum, der vorher eine cool verkleidete Lounge mit langen Tafeln und dunkel gedimmten Separees umarmt von gemütlichen Ledersofas war, strebte jetzt nach größerem, öffnete sich und wurde eine weite Tanzkathedrale. Der Übergang hätte brutaler nicht sein können: Eine Liveband spielte dazu sehr harten, sehr lauten und sehr guten Rock. Fünf Stücke und eine Zugabe lang, dann wummerten die Diskobässe aus den Boxen. Eben bekleidete Gogos stiegen auf ihre Emporen, mieden jeden Blickkontakt zu denen, die den ihren suchten und er dachte sich: „So ist Berlin – ein einziges Motto gibt es hier nicht, dafür aber alle und alle zugleich.“
Solche Konzepte, wie das des Felix, funktionieren vielleicht wirklich nur inmitten eines Milieus aus architektonischer Großmannsucht und realexistierender Großstadt-Bohème. Wo sonst könnten an einem Abend, in einer Stadt, die in die Vertikale denkt, in einem umgebauten Keller ein Sternekoch, eine Rockband, eine Bauchtänzerin, ein DJ samt Gogos nacheinander auftreten, sich beklatschen lassen und alle zusammen das Gefühl zelebrieren, das sei auch gut so? Und das ist es vielleicht sogar wirklich, jedenfalls wirbelt so eine Spargelschaumsüppchen-Highway-to-hell-uffze-uffze-Melange alle gängigen Vorstellungen von richtig und falsch, von schick und schäbig, von sinnig und unsinnig gründlich durcheinander. Und in der Kombination mit viel kaltem Wodka fühlte er sich sogar zunehmend großartiger dabei. Wie eigentlich alle hier.
In seinem Fall könnte das natürlich auch an diesen durchweg hochwangigen und tiefdekolletierten Wesen gelegen haben, die sich immer wieder eng an ihm vorbeischoben, so dass er unsicher war, ob diese flüchtigen Berührungen von warmer Haut tatsächlich so unschuldig und unbeabsichtigt waren, wie sie daher stolzierten. Erst recht, wenn ihnen musternde Blicke vorausgingen und noch mehr, falls sie folgten. Manchmal wehten den jungen Mädchen in ihren flatternden Kleidern auch schwülstig-süße Vanillenoten hinterher, krochen in seine Nase und manchmal versuchte er diese dann auch ein wenig tiefer zu inhalieren, denn ihnen folgte ein lange Kette von Gedanken, in denen es um Eitelkeiten ging, um Voyeurismus, um Jagd, um Enttäuschungen, um Eroberungen und auch ein bisschen um Sex. Verdammte Rockmusik!
Die Nacht endete für ihn allerdings ohne Rock, dafür mit zu viel Wodka und einer Endlosschleife aus Gedankengliedern in einem einsamen Hotelzimmer. Aber das war gut so. Denn es war herrlich dekadent, und es war Berlin – und da endet schließlich nichts so, wie es einmal angefangen hat. Nicht einmal eine Geschichte über diese Nacht und diesen Typen, der gestern ich war.

Ich bin dagegen

Man muss Teresa Amabile dankbar sein. Die Harvard-Professorin hat schon vor einiger Zeit herausgefunden: Kritik wirkt smarter als Lob. Das gilt auch für kategorische Neinsager. Erstens machen sie weniger Fehler, weil sie weniger machen. Zweitens haben sie weniger zu verlieren.

Deswegen: Dieser Beitrag ist schwach, langweilig geschrieben und die Erkenntnis alt. Ich bin dagegen, dass er veröffentlicht wird.

Banane

In dem Käfig sitzen vier Affen. In der Mitte des Käfigs steht ein Holzpfosten, darüber hängt eine reife, goldgelbe Banane. Um sie zu bekommen, muss man auf den Pfosten klettern. Die Affen studieren die Versuchsanordnung.

Nach einer Weile wagt der erste Affe sein Glück. Kurz bevor er die Banane erreichen kann, spülen ihn Wissenschaftler mit einem kalten Wasserstrahl vom Pfahl herunter. Es dauert wieder eine Weile, aber dann versuchen auch die anderen drei an die süße Frucht zu gelangen. Sie alle fegt der Wasserstrahl kurz vor dem Ziel hinunter. Das Experiment wiederholt sich einige Male. Dann geben die Affen auf.

Nun ersetzen die Forscher einen der Affen. Der Neue weiß noch nichts von dem Wasserstrahl und sieht nur die Banane. Doch als er auf den Pflock steigen will, halten ihn die anderen drei mit lautem Geschrei und körperlicher Gewalt davon ab. Im Grunde eine soziale Geste.

Nun aber ersetzen die Wissenschaftler mit jedem Versuch einen Affen nach dem anderen. Solange, bis nur noch vier Affen im Käfig hocken, die niemals mit kalten Wasser bestrahlt worden sind. Doch was passiert, ist: nichts. Kein Affe wagt jemals wieder den Pfosten zu besteigen, um an die Banane zu gelangen.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Traditionen beginnen so. Irgendwann weiß niemand mehr, warum man die Dinge so macht, wie man sie macht. Aber jeder ist davon überzeugt, dass es so richtig ist oder nur so geht. Affig!

Lassen Sie niemals zu, dass Affen Sie davon abhalten, Ihre Ziele zu erreichen!

Warum verlieben wir uns?

„Warum muss eine Frau eher schön sein als intelligent?“
„Weil Männer besser sehen als denken können.“


Das ist ein abgedroschener Witz. Aber die Beobachtung enthält ein Körnchen Wahrheit. Körperliche Symmetrie kann romantische Liebe auslösen. Als Forscher mit dem Computer viele Gesichter zu einem „durchschnittlichen“ Einheitsgesicht mischten, gefiel sowohl Männern als auch Frauen das Durchschnittsgesicht mehr als eines der einzelnen Gesichter. Schon zwei Monate alte Babys schauen sich ebenmäßigere Gesichter länger an. Wissenschaftler haben heraus gefunden: Besonders ebenmäßig wirkende Männer erlangen Vorrechte bei der Fortpflanzung. Ihr Sexualleben beginnt rund vier Jahre vor dem von Gleichaltrigen, die asymmetrisch wirken; sie haben mehr Sexualpartnerinnen und auch mehr Seitensprünge während der Ehe. Zudem haben Frauen mit ebenmäßig aussehenden Männern mehr Orgasmen, auch wenn die Beziehung für sie gefühlsmäßig unbefriedigend ist. Wenn eine Frau Orgasmen mit einem gut proportionierten Mann hat, nimmt sie mit den Kontraktionen während des Orgasmus sogar mehr von seinem Sperma auf. Der vermutete Grund: Das Hirn einer Frau, die ihren ebenmäßig aussehenden Liebhaber anschaut, produziert mehr Dopamin, das wiederum in einer Reihe von Wechselwirkungen die Testosteronbildung anregt und so die sexuelle Reaktion verbessert.

Da Symmetrie die eigenen Wahlmöglichkeiten im Paarungsspiel verbessert, tun Frauen außerordentlich viel dafür, sie zu erreichen oder zumindest den Anschein der Ebenmäßigkeit zu erwecken. Mit Puder machen sie die beiden Gesichtshälften gleichmäßiger. Mit Mascara und Eyeliner lassen sie ihre Augen einander ähnlicher erscheinen. Mit Lippenstift vergrößern sie die eine Lippe so, dass sie zu der anderen passt. Und mit Schönheitschirurgie, Gymnastik und Sport, Gürteln, Büstenhaltern und engen Jeans und Blusen formen sie ihre körperliche Gestalt, um die von Männern bevorzugten symmetrischen Proportionen zu schaffen.

Und das wirkt. In wissenschaftlichen Studien zeigten Männer in den Hirnregionen, die mit der visuellen Verarbeitung verbunden sind, meistens mehr Aktivität als Frauen. Die Gehirntätigkeit könnte erklären, warum sich Männer im Allgemeinen schneller verlieben als Frauen. Wenn der Zeitpunkt stimmt und ein Mann eine attraktive Frau sieht, ist er anatomisch in der Lage, attraktive visuelle Merkmale schnell mit Empfindungen leidenschaftlicher Liebe in Verbindung zu bringen. Diese männliche Reaktion kann auch erklären, warum Frauen ihr persönliches Erscheinungsbild als wichtiges Element ihrer Selbstachtung betrachten und warum Frauen sich so außerordentlich viel Mühe geben, visuell für ihre Vorteile zu werben.

Frauen nutzen die Vorliebe von Männern für – und ihre Hirnreaktion auf – visuelle Reize gnadenlos aus. Psychologen berichten, dass Männer Frauen gerne bei der Lösung ihrer Probleme helfen wollen. Männer fühlen sich männlich, wenn sie ein weibliches Wesen in Not retten. Zweifellos haben Millionen Jahre des Schutzes und der Fürsorge für Frauen dem männlichen Gehirn diese Tendenz eingeprägt, sich Frauen zu wählen, die ihrer Meinung nach gerettet werden müssen. Tatsächlich ist das männliche Gehirn gut zur Unterstützung von Frauen eingerichtet. Männer sind im Durchschnitt in allen Arten von mechanischen und räumlich bezogenen Aufgaben besser bewandert als Frauen. Männer sind Problemlöser. Und viele der besonderen Fähigkeiten von Männern werden im Mutterleib durch hohe Testosteronwerte des Fötus gebildet. Vielleicht haben Männer diese biologische Maschinerie zumindest teilweise zu dem Zweck entwickelt, für Frauen attraktiv zu sein, sie zu unterstützen und zu retten.

In einer Untersuchung von achthundert Kleinanzeigen, die in Zeitungen und Zeitschriften aufgegeben wurden, suchten amerikanische Frauen zweimal so häufig wie Männer Partner, die ihnen finanzielle Sicherheit boten. Viele Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und sehr wohlhabende Frauen sind an Männern mit noch mehr Geld und Status als sie selbst interessiert. Frauen überall in der Welt fühlen sich mehr zu Partnern mit Bildung, Ehrgeiz, Reichtum, Status und Position hingezogen – der Art von Eigenschaften, die ihre prähistorischen Vorfahren bei einem Partner für die Kinderaufzucht brauchten. Wissenschaftler brachten das so auf den Punkt: Männer suchen Sexualobjekte und Frauen suchen Erfolgsobjekte.

Kein Wunder, dass die Selbstachtung eines Mannes enger mit seinem allgemeinen Status verknüpft ist. Kein Wunder, dass Männer mit größerer Wahrscheinlichkeit ihre Gesundheit, Sicherheit und Freizeit aufs Spiel setzen, um einen hohen Rang zu erreichen. Männer wissen intuitiv, dass sie furchtlos, stark wie geschmiedetes Eisen, kraftvoll wie die glühende Sonne erscheinen müssen, um für jugendliche, gesunde, energiegeladene Frauen attraktiv zu sein.
[Aus: Helen Fisher: „Why we love – The Nature and Chemnisty of Romantic Love“,
Henry Holt and Company New York 2004]

Mammon

Die Sache mit den Blogs und dem Geld. Über den geschätzten Medienjunkie habe ich diesen Telepolis-Artikel entdeckt, beziehungsweise, Payperpost.com, wo Blogger Geld dafür bekommen, wenn sie bestimmte Produkte in ihren Artikeln erwähnen. Also schleichwerben. Für die Einen mag das eine günstige Gelegenheit sein, ein Zubrot zu verdienen. Für andere ist es Prostitution. Und Verrat am Leser.

Parallel dazu läuft gerade in Deutschland eine Diskussion darüber, ob Blogger Geld verdienen dürfen. In dem Fall Payperpost fällt mir das Urteil persönlich leicht: Es ist Schleichwerbung, Prostitution, Verrat – und verstößt obendrein auf ekelhafte Weise gegen journalistische Grundsätze: die klare, transparente Trennung von Werbung und Redaktion. Der Leser wird hier über die wahren Motive hinweg getäuscht, benutzt, missbraucht, verarscht. Das ist unethisch.

Productplacement ist trotzdem kein Novum. Auch der Versuch, Produkte redaktionell besprechen zu lassen, ist weder in Redaktionen, noch in Blogs unbekannt. Man denke nur an die vier Opel-Blogger. Auch dazu gab es viele Diskussionen: Bestechung? Prostitution? Oder eine mediale Aufwertung der Blogs? Auf jeden Fall war spätestens damit das Buffetbloggen geboren: Man lädt Autoren zu einer Art „Buffet“ ein, damit diese anschließend darüber (indirekt) berichten – lieber positiv als negativ. Wie gesagt, das ist nicht neu. In den Redaktionen heißt so etwas Pressereise oder -event. Sie sind Stiefkinder, aber in Zeiten knapper Budgets und bei kleinen Redaktionen oft ohne Alternativen. Sittenwidrig wird es dabei erst, wenn man seine Leser über die Absprachen im Ungewissen lässt. Wer hier Transparenz schafft, lässt dem Leser zumindest die Wahl, wie er das „objektive“ Urteil bewertet. Die vier Vectralblogger haben das mehr und weniger getan.

Aber das ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass sich hier zu Lande sowohl die Versuche mehren, mit Bloggern Geld, Image oder Inhalte zu machen (aktuell etwa mit Katharina Borchert, alias Lyssa, die bald als Chefredakteurin der Onlineprojekte der Essener WAZ-Gruppe fungiert oder Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, der ab 1. August bei der PR-Beratung Edelmann "Chief Blogging Officer" wird) als auch die Versuche der Blogger selbst etwas Geld zu verdienen – sei es durch Bandenwerbung – wie etwa beim Bildblog, das sich inzwischen von der Berliner Agentur Sternzeit Media vermarkten lässt – oder durch den Verkauf von Devotionalien wie Tassen, T-Shirts, Artikeln oder Vlogs. Kurz: Es ist die einsetzende Kommerzialisierung eines jungen Medienkanals. Auch das ist zunächst völlig normal und gut so.

Dass jemand, der Zeit und Hirnschmalz investiert, um Leser zu informieren oder zu amüsieren, nicht abgeneigt ist, wenn er damit auch ein paar Cent verdienen kann, verstehe ich. Dass dies nur diejenigen können, die entsprechende Zielgruppen erreichen, und dass daraus Neid entstehen kann, ebenso. Was ich aber kopfschüttelnd zur Kenntnis nehme, sind zwei Entwicklungen:

Die Erste ist nicht neu. Sobald jemand mit seinem Blog Geld verdient, wird seine gesamte Objektivität automatisch infrage gestellt. Motto: Geld verdirbt den Charakter. Entscheidend ist aber doch, wie die Autoren mit ihren Sponsoren und Lesern umgehen. Bleiben ihre Motive, über dies oder das zu berichten, transparent, ist es mir schnuppe, ob und von wem jemand Geld bekommt. Ich lese den Artikel, und wenn ich das Gefühl habe, dem Autor fehlt jeglicher Abstand, jedwede Professionalität, dann lese ich nicht weiter – oder ihn im Extremfall gar nicht mehr.

Die zweite Entwicklung finde ich bedenklicher: An Blogs schätze ich vor allem die Varianz – das Potenzial, die herrschenden Medien zu ergänzen, indem sie Themen aufgreifen, die sonst untergehen oder indem sie Themen aus neuen Blickwinkeln beleuchten. Blogs bieten die Chance, da kritisch zu sein, wo es andere Berichterstatter nicht mehr sind (oder nicht sein können). Bedauerlich ist, dass dies hier zu Lande noch selten der Fall ist. Und bedenklich wird es, wenn der einsetzende Kommerz dafür sorgt, dass Blogger künftig nur noch die Themen besetzen, die von Buffets begleitet werden; wenn PR- oder Werbe-Agenturen die Themen setzen und ihnen von Anerkennungs- und Bedeutungssucht getriebene Autoren folgen. Und so ist das Top-Thema im Blogdings noch immer das Bloggen selbst, PR-Aktionen und der öde Mammon. Es sind nicht Politik, Gesundheitsreform, Unternehmen, Entlassungen, Manager, Wirtschaftsethik, Feuilleton. Schade.

Demotivationslyrik

Als ich das letzte Mal ein Motivationsseminar besuchte – rein beruflich natürlich -, versuchte mir der Mensch am Mikro zu verkaufen, jeder könne ein Starverkäufer, Topmanager oder zumindest reich werden. Er selbst war eher so eine Art verkrachte Existenz, ein Desperado der Meta-Ebene und des esoterischen Brimboriums. Ich hielt ihn für einen Blender. Die 99 anderen nicht. Seitdem bin ich überzeugt: Keiner von uns ist so blöd, wie wir alle zusammen. Und man sollte niemals die Macht dummer Menschen in einer großen Gruppe unterschätzen.

Ich habe sie immer gehasst, die Apologeten des positiven Denkens. Ich vermute sogar, dass der Sinn ihres Lebens darin besteht, anderen als warnendes Beispiel zu dienen. Immerhin behaupten sie allen Ernstes: „Du musst daran glauben, dass du es schaffst, dann schaffst du es auch.“ Oder: „Du musst daran glauben, dass alles gut wird.“ Oder: „Du musst daran glauben, dass man Menschen motivieren kann.“ Ich hätte es ehrlicher gefunden, wenn mir einer gesagt hätte: „Wenn du den Müll glaubst, musst du dran glauben.“ Man kann Menschen nicht motivieren, das können nur sie selbst. Und Erfolg ist kein Automatismus.

Doch dann fand ich so einen ehrlichen Menschen. Er heißt El Kersten, war einst Professor für Organisationskommunikation an der Universität von Süd-Kalifornien und betreibt jetzt die Internetseite Despair.com. Außerdem hat er die Kunst der Demotivation erfunden.

Die ist so ziemlich die waghalsigste, subversivste und witzigste Theorie, die ich seit langem gelesen habe. Immerhin behauptet er, dass Mitarbeiter mindestens so viele Probleme machen, wie sie lösen. Sie bringen ihre persönlichen Probleme zur Arbeit mit, beschäftigen sich mit Intrigen, boykottieren die Unternehmensziele, beschweren sich dauernd über Kleinigkeiten und fordern auch noch ständig mehr Geld. Kurz: Sie sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Statt Angestellte also wie Teenager zu behandeln, die Lob und Liebe brauchen, empfiehlt er sie wie Erwachsene zu handhaben, die einst einen Vertrag unterzeichneten, der den Austausch von Geld gegen Leistung vorsieht. Sein Rezept: klare Arbeitsanweisungen, wenig Entscheidungsspielraum und ein angemessen niedriges Gehalt. Das demotiviert die Leute zwar, ist aber billig. Was aber noch wichtiger ist: Demotivierte sind leichter zufrieden zu stellen, weil sie nichts mehr erwarten. Sie brauchen weniger Aufmerksamkeit und arbeiten hart, um ihrer Selbstzweifel Herr zu werden. Es könnte schließlich schlimmer kommen!

Man kann darüber schmunzeln oder die Stirn runzeln – am Ende aber ist das eine recht veritable Managementtheorie. Nicht zuletzt deshalb, weil sie mich mit der nagenden Frage zurücklässt, was die Unternehmen heute tatsächlich hinter ihrer Rhetorik vom Mitarbeiter als „wichtigstem Kapital“ verbergen. Denn das, was Kersten beschreibt, ist in vielen Unternehmen schon heute Realität. Merke: Nur weil du nützlich bist, heißt das nicht, du wärst auch wichtig.

Mixury

Es regnet wieder in der Stadt. Gestern waren es dicke, schwere Tropfen, die sich mit einem leichten Grollen aus den Wolken verabschiedeten bevor sie auf das Straßenpflaster schlugen. Heute sind es eher dünne Bindfäden. Dicht wie ein Vorhang, hinter dem die Menschen in dunklen Einfahrten oder schummrigen Bars verschwinden. Es ist schlagartig kalt geworden, in den Pfützen schwimmen Zigarettenkippen, die der Regen ausgelöscht hat, und die Nässe kriecht dir langsam durch die Schuhe bis in den Rücken rauf.

Die vergangenen Tage waren: hektisch. Kein ungewöhnlicher Zustand in meinem Leben. Aber auf Dauer ist es natürlich nicht gut - weder für Körper, noch für Seele -, sich tagelang von Espresso zu ernähren, die Augen vor Computerbildschirmen zu ruinieren und auf jede Form von Zerstreuung zu verzichten. Ich musste raus, wollte ausgehen und einkehren. Mit ihr. In eine Bar. Eine neue.

Eine gute, neue Bar zu finden, ist ungefähr so leicht, als würde man versuchen aus einem Feuerwehrschlauch zu trinken. Ständig eröffnen irgendwo irgendwelche wahnsinnig angesagten Läden, in die dann genauso wahnsinnig angesagte Menschen in noch angesagteren Hemdchen wackeln, um zu festzustellen, wie wenig angesagt die anderen sind, die sich hier auch gerade dem Ich-bin-zu-geil-für-diese-Welt- Popularitätstest unterziehen. Also im Prinzip wie überall – nur dass die Drinks tatsächlich erschreckend oft nach Feuerwehrschlauch schmecken. Mir war nach guten Drinks; nach Geschichten, die auf der Zunge zergehen, nach Gefühlen, die man schmecken kann und die Schluck um Schluck die Wangen wärmen. Mir war weniger nach angesagten Menschen, dafür mehr nach dunklem Holz und gedämpftem Licht, nach leiser Musik und braunem, speckigem Leder, das leise ausatmet, während man darin allmählich versinkt. Mir war nach der Shepheard Bar.

Ich fand sie im Internet. Anders wäre es auch schwer geworden. Es gibt kein Außenschild, keine Werbung. Nur eine kleine Seitentür und eine schmale Treppe, die hinab ins Souterrain führen. Eine livrierte Barmaid nimmt uns die Mäntel ab, führt uns über das Ahornparkett in das reservierte Separee. An den Wänden dimmen erdfarbene Fließen das Licht warmorange; die spärliche und keineswegs kitschige Dekoration stammt teils von Belgischen Flohmärkten und erinnert an eine Melange aus japanischen, arabischen und afrikanischen Antiquitäten. Dann stellt sich der Barmanager persönlich vor. Er heißt Mirko Gardeliano, sieht ein bisschen aus wie der junge Al Pacino, den er sehr verehrt, und ist Italiener. Single ist er auch. Auch das erzählt er, natürlich mit italienischem Akzent und einem charmanten Lächeln, was der ganzen Vorstellung zugleich etwas sehr persönliches gibt und einen vergessen lässt, dass man sich gerade in einer Bar fläzt und nicht bei sich zuhause auf der Couch im Wohnzimmer.

Im Wohnzimmer habe ich allerdings auch keine 60 Sorten Whisky, über 20 Zigarrensorten und eine Karte mit rund 200 Cocktails, darunter mehr als 50, teils preisgekrönte Eigenkreationen. Dieser Katalog ist keine Cocktail-, sondern eine Speisekarte – es gibt Drinks mit Lychee und Mango, mit Pfeffer und Peperoni, mit Sardellen oder Balsamico, sogar Ovomaltine mixt, schüttelt oder rührt Gardeliano unter. Dazu gibt es Oliven, Chips und eine bezaubernde Barmaid, die einen nicht nur persönlich berät, sondern auch anerkennt, dass man zwar viel über Geschmack reden und noch mehr streiten kann, am Ende aber der Gaumen entscheidet. „Wenne eine Drink, den wir empfehle, nichte ssmeck“, sagt Gardeliano, „nehme wir dene kostenlos zuruck.“

Wir nehmen einen „Scarface“. Der ist giftgrün, schmeckt nach feurigem Pfeffer und frischer Minze und erzählt eine sepiafarbene Detektivgeschichte inmitten von schwarzen Autos mit Weißbandreifen und klebrig-salziger Sommerluft in New Orleans. „Verdammt“, denke ich, „das ist guter Stoff“ und bestelle noch einen und noch einen. Und das nächste, was ich merke, ist, dass ich hier vor meinem Laptop sitze und immer noch in dieser Geschichte stecke. Aber draußen scheint jetzt die Sonne.

Nomen est omen

Mal ehrlich: Bei einigen Menschen verkommt die Geburtsurkunde zum Mittel der Selbstinszenierung. Da reicht dann nicht einfach nur ein Vorname – es müssen schon mindestens drei sein. Klasse durch Masse, man gönnt sich ja sonst nichts. Möglichst ausgefallene Namen sind dabei schon beim ersten Titel Pflicht. Hollywood (siehe unten) macht es schließlich vor. Heute erst wieder wurde ich daran erinnert: Vor ein paar Tagen, am 18. April, bekamen Katie Holmes und Tom Cruise in Los Angeles ihre kleine „Suri“. Das ist Hebräisch und bedeutet soviel wie Prinzessin. Oder auf Persisch rote Rose. Die vier Geschwister von River Phoenix wiederum heißen Liberty, Rainbow, Summer und Leif - offenbar made in Woodstock. Und Flugzeug-Fan John Travolta wiedrum benannte seinen Sohn direkt nach seiner Leidenschaft: „Jett“ - das zweite T sicher um Verwechslungen auszuschließen.

Hipper heißen liegt im Trend. Ist aber nicht neu. Schon Wolfgang Amadeus Mozart hieß eigentlich Wolfgang Theophil Mozart. Nur fand der Wiener Komponist die latinische Form freilich fescher. Der Schriftsteller Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen („Simplizissimus“) etwa wurde von seinen Eltern mit gleich drei Rufnamen bedacht. Und der mittelalterliche Mediziner Paracelsus (1493-1541) hörte eigentlich auf den eindrucksvollen Titel Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim. Ob er damit wohl jemals eine Frau hätte abschleppen können? Historisch sind Vornamen übrigens älter als Familiennamen: Erst vor rund 300 Jahren wurden Nachnamen für Bauern und andere Leibeigene eingeführt.

Das Bedürfnis nach Besonderem führt heuer aber auch zu skurrilen Ergebnissen. So berichten Standesbeamte von Fällen, bei denen Eltern ihre Gören „Pepsi Cola“, „Karl der Große“ oder „Nicht Vaters Wunsch“ taufen wollten. Derartiger Mumpitz wird freilich kategorisch abgelehnt. Wo bei diesen Extravaganzen die Grenzen liegen, weiß allerdings keiner genau. Erlaubt sind zum Beispiel: Azalee, Bavaria, Chelsea, Cheyenne, Europa, Momo, Oleander, Pumuckl, Sexana, Sunshine, Taiga oder Winnetou. Nicht erlaubt sind dagegen: Che, Gin, Grammophon, Judas, Möwe, Moon, November, Pfefferminze oder Wiesengrund. Die grobe Regel dahinter: Rufnamen müssen eindeutig das Geschlecht erkennen lassen (Damit scheiden hier zu Lande und anders als in den USA Städte- und Ländernamen automatisch aus - es sei denn sie werde mit einem eindeutigen Erstnamen verbunden.) und sie dürfen keine negativen Assoziationen wecken. Positive dagegen schon. Deshalb stammt beispielsweise heute nahezu jeder dritte Vorname aus der Bibel. Das haben Onomastiker ermittelt – und die beschäftigen sich beruflich mit Namen.

Den Rekord für Onomastik-Onanie hält dagegen ein 1904 in Bergedorf bei Hamburg geborener Mann (das stand in der 1978 veröffentlichten Ausgabe des Guinness Book of World Records). Er hieß: Wolfeschlegelsteinhausenbergerdorff-
voralternwarengewissenhaftsschaferswessenschafewarenwohlgepflegte undsorgfaltigkeitbeschutzenvonangreifendurchihrraubgierigfeindewel chevoralternzwolftausendjahresvorandieerscheinendenvanderersteerde menschderraumschiffgebrauchlichtalsseinursprungvonkraftgestartsein langefahrthinzwischensternartigraumaufdersuchenachdiesternwelchege habtbewohnbarplanetenkreisedrehensichundwohinderneuerassevonversta ndigmenschlichleitkonntefortpflanzenundsicherfreuenanlebenslanglic hfreudeundruhemitnichteinfurchtvorangreifenvoneinanderintelligentg eschöpfsvonhinzwischensternartigraum
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Und die längste URL im Web ist die hier.

Das Namenlos - Wie die Kinder prominenter Eltern heißen


Ace - Natalie Appleton & Liam Howlett
Ahmet Rodan - Frank Zappa
Amandine - John Malkovich
Apple - Gwyneth Paltrow & Chris Martin
Aquinnah Kathleen - Michael J. Fox & Tracy Pollan
Arpad Flynn - Elle MacPherson
Assisi - Jade Jagger
Atticus William MacNaughton - Tony Adams
Aurelius - Elle MacPherson
Ava - Reese Witherspoon & Ryan Philippe
Beatrice Milly - Paul & Heather McCartney
Bibi Belle - Anna Ryder Richardson
Blossom - Kacey Ainsworth
Brooklyn – Victoria & David Beckham
Caspar - Claudia Schiffer & Matthew Vaughn
Chester - Rita Wilson & Tom Hanks
Clementine - Claudia Schiffer & Matthew Vaughn
Coco Riley - Courteney Cox & David Arquette
Cruz - Victoria & David Beckham
Daisy Boo - Jamie Oliver
Dakota - Melanie Griffith & Don Johnson
Dandelion - Keith Richard
Dashiell Michael - Helen Fielding
Dhani - George & Olivia Harrison
Diva - Frank Zappa
Dixie Dot - Anna Ryder Richardson
Dweezil - Frank Zappa
Dylan Jagger - Pamela Anderson Lee & Tommy Lee
Elijah Blue – Cher
Elijah Bob Patricus Guggi Q - Bono
Emma Tiger - Til Schweiger
Fifi Trixabelle - Paula Yates & Bob Geldof
Finlay - Sadie Frost
Grier Hammond - Brooke Shields
Heavenly Hirrani Tiger Lily - Paula Yates & Michael Hutchence
Henry Guenther Ademola Dashtu Samuel - Heidi Klum & Seal
Homer - Richard Gere
Ireland - Kim Basinger
Jaden Gil, Jaz Elle - Andre Agassi & Steffi Graf
Jett - John Travolta & Kelly Preston
Junior - Jordan & Peter Andre
Kal-El - Nicolas Cage & Alice Kim
Kiki - Charlie Brooks
Laird Vonne - Sharon Stone
Lennon - Liam Gallagher
Levi Roan Green - Uma Thurman & Ethan Hawke
Lola - Sara Cox
Lila Grace - Kate Moss & Jefferson Hack
Lily - Kerry Katona & Brian McFadden
Lourdes - Madonna
Mackenzie - JK Rowling
Maddox - Angelina Jolie
Marina Pearl - Matt LeBlanc & Melissa McKnight
Martha Sky Hope - Ulrika Jonsson & Lance Gerrard-Wright
Milo - Liv Tyler & Royston Langdon
Mingus Lucien - Helena Christensen
Misty Kyd - Sharleen Spiteri
Molly - Mariella Frostrup/ Kerry Katona & Brian McFadden
Moon Unit - Frank Zappa
Nathaniel Houseman - Jonathan Davis & Renee
Natashya Lorien - Tori Amos
Nayib - Gloria & Emilio Estefan
Nell Marmalade - Helen Baxendale
Ocean, True, Sonnet - Forest Whitaker
Paris - Michael Jackson
Peaches - Paula Yates & Bob Geldof
Phinnaeus, Hazel - Julia Roberts & Danny Moder
Phoebe - Vernon Kay & Tess Daly
Pilot Inspektor - Jason Lee
Pixie - Paula Yates & Bob Geldof
Presley Walker - Cindy Crawford & Rande Gerber
Preston Michael - Britney Spears & Kevin Federline
Prince and Prince Michael II - Michael Jackson
Racer, Rebel, Rocket - Robert Rodriguez
Rafferty, Rudy - Sadie Frost & Jude Law
Ripley - Thandie Newton
Rocco - Madonna & Guy Ritchie
Roman - Cate Blanchett
Romeo – Victoria & David Beckham
Ryder Russell - Kate Hudson & Chris Robinson
Rufus Tiger - Roger Taylor
Sailor - Christie Brinkley
Saffron Sahara - Simon LeBon & Yasmine
Satchel - Spike Lee/ Woody Allen
Scout LaRue, Rumer, Tallulah - Demi Moore & Bruce Willis
Stella del Carmen - Melanie Griffith & Antonion Banderas
Suri - Katie Holmes & Tom Cruise
Tallulah - Jessie Wallace / Angela Griffin
Tallulah Pine - Simon LeBon & Yasmine
Tianie-Finn - Duncan James (Blue) & seine Ex Claire
Truman - Rita Wilson & Tom Hanks
Wilf - Hermione Norris
Willow - Will Smith & Jada Pinkett Smith
Valentino Luca, Roman - Melanie Sykes
Victoria Kafka - Tommy Lee Jones & Kimberlea Cloughley
Zahra Savannah - Chris Rock
Ziggy - Bob Marley
Zola - Eddie Murphy
Zowie (Duncan Zowie) - David Bowie

Spülreste

Schleudergang

 

Waschtrommel

Liebe Leser,

hiermit distanziere ich mich von allen Inhalten in diesem Blog, die nicht von mir geschrieben wurden. Dasselbe gilt für Kommentare und für Werbung, die nicht als solche kenntlich gemacht wurde. Die bewusste Täuschung des Bloginha- bers und seiner Leser wird nicht toleriert, Kommentare mit werblicher Absicht sind kostenpflichtig und werden in Rechnung gestellt. Pro Kommentar wird eine Pauschale von 1000 Euro (zzgl. MwSt., Anwaltkosten und Bearbeitungsgebühr) erhoben. Falls Sie ein Problem damit haben oder mit dem Senf, der hier verzapft wird, dann schreiben Sie mir das bitte per Mail:

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