Felix
In jener Nacht im Dezember, in der er seine erste dekadente Party in Berlin feierte, gab es ein Menü von Spargelschaumsüppchen, Jakobsmuschelfilets und Lardo, hernach süße Törtchen und zu alledem viel trockenen Roten, nach diesem Tag, den er mit hochtrabenden Gesprächen und schwerwiegenden Entscheidungen begonnen hatte und der sich nun allmählich im rotblauen Schummerlicht des Clubs in tanninhaltige Erinnerungen verflüssigte. Das war ein gutes Gefühl und während er seinen Gedanken noch beim Verklären zuschaute, verflüssigte sich auch die Tischordnung. Nach dem letzten Törtchen falteten Keller die zuvor aufwendig geschmückten Tische zusammen, der Raum, der vorher eine cool verkleidete Lounge mit langen Tafeln und dunkel gedimmten Separees umarmt von gemütlichen Ledersofas war, strebte jetzt nach größerem, öffnete sich und wurde eine weite Tanzkathedrale. Der Übergang hätte brutaler nicht sein können: Eine Liveband spielte dazu sehr harten, sehr lauten und sehr guten Rock. Fünf Stücke und eine Zugabe lang, dann wummerten die Diskobässe aus den Boxen. Eben bekleidete Gogos stiegen auf ihre Emporen, mieden jeden Blickkontakt zu denen, die den ihren suchten und er dachte sich: „So ist Berlin – ein einziges Motto gibt es hier nicht, dafür aber alle und alle zugleich.“Solche Konzepte, wie das des Felix, funktionieren vielleicht wirklich nur inmitten eines Milieus aus architektonischer Großmannsucht und realexistierender Großstadt-Bohème. Wo sonst könnten an einem Abend, in einer Stadt, die in die Vertikale denkt, in einem umgebauten Keller ein Sternekoch, eine Rockband, eine Bauchtänzerin, ein DJ samt Gogos nacheinander auftreten, sich beklatschen lassen und alle zusammen das Gefühl zelebrieren, das sei auch gut so? Und das ist es vielleicht sogar wirklich, jedenfalls wirbelt so eine Spargelschaumsüppchen-Highway-to-hell-uffze-uffze-Melange alle gängigen Vorstellungen von richtig und falsch, von schick und schäbig, von sinnig und unsinnig gründlich durcheinander. Und in der Kombination mit viel kaltem Wodka fühlte er sich sogar zunehmend großartiger dabei. Wie eigentlich alle hier.
In seinem Fall könnte das natürlich auch an diesen durchweg hochwangigen und tiefdekolletierten Wesen gelegen haben, die sich immer wieder eng an ihm vorbeischoben, so dass er unsicher war, ob diese flüchtigen Berührungen von warmer Haut tatsächlich so unschuldig und unbeabsichtigt waren, wie sie daher stolzierten. Erst recht, wenn ihnen musternde Blicke vorausgingen und noch mehr, falls sie folgten. Manchmal wehten den jungen Mädchen in ihren flatternden Kleidern auch schwülstig-süße Vanillenoten hinterher, krochen in seine Nase und manchmal versuchte er diese dann auch ein wenig tiefer zu inhalieren, denn ihnen folgte ein lange Kette von Gedanken, in denen es um Eitelkeiten ging, um Voyeurismus, um Jagd, um Enttäuschungen, um Eroberungen und auch ein bisschen um Sex. Verdammte Rockmusik!
Die Nacht endete für ihn allerdings ohne Rock, dafür mit zu viel Wodka und einer Endlosschleife aus Gedankengliedern in einem einsamen Hotelzimmer. Aber das war gut so. Denn es war herrlich dekadent, und es war Berlin – und da endet schließlich nichts so, wie es einmal angefangen hat. Nicht einmal eine Geschichte über diese Nacht und diesen Typen, der gestern ich war.
Wolle - 17. Dez, 20:33

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