Demotivationslyrik
Als ich das letzte Mal ein Motivationsseminar besuchte – rein beruflich natürlich -, versuchte mir der Mensch am Mikro zu verkaufen, jeder könne ein Starverkäufer, Topmanager oder zumindest reich werden. Er selbst war eher so eine Art verkrachte Existenz, ein Desperado der Meta-Ebene und des esoterischen Brimboriums. Ich hielt ihn für einen Blender. Die 99 anderen nicht. Seitdem bin ich überzeugt: Keiner von uns ist so blöd, wie wir alle zusammen. Und man sollte niemals die Macht dummer Menschen in einer großen Gruppe unterschätzen. Ich habe sie immer gehasst, die Apologeten des positiven Denkens. Ich vermute sogar, dass der Sinn ihres Lebens darin besteht, anderen als warnendes Beispiel zu dienen. Immerhin behaupten sie allen Ernstes: „Du musst daran glauben, dass du es schaffst, dann schaffst du es auch.“ Oder: „Du musst daran glauben, dass alles gut wird.“ Oder: „Du musst daran glauben, dass man Menschen motivieren kann.“ Ich hätte es ehrlicher gefunden, wenn mir einer gesagt hätte: „Wenn du den Müll glaubst, musst du dran glauben.“ Man kann Menschen nicht motivieren, das können nur sie selbst. Und Erfolg ist kein Automatismus.
Doch dann fand ich so einen ehrlichen Menschen. Er heißt El Kersten, war einst Professor für Organisationskommunikation an der Universität von Süd-Kalifornien und betreibt jetzt die Internetseite Despair.com. Außerdem hat er die Kunst der Demotivation erfunden.
Die ist so ziemlich die waghalsigste, subversivste und witzigste Theorie, die ich seit langem gelesen habe. Immerhin behauptet er, dass Mitarbeiter mindestens so viele Probleme machen, wie sie lösen. Sie bringen ihre persönlichen Probleme zur Arbeit mit, beschäftigen sich mit Intrigen, boykottieren die Unternehmensziele, beschweren sich dauernd über Kleinigkeiten und fordern auch noch ständig mehr Geld. Kurz: Sie sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.
Statt Angestellte also wie Teenager zu behandeln, die Lob und Liebe brauchen, empfiehlt er sie wie Erwachsene zu handhaben, die einst einen Vertrag unterzeichneten, der den Austausch von Geld gegen Leistung vorsieht. Sein Rezept: klare Arbeitsanweisungen, wenig Entscheidungsspielraum und ein angemessen niedriges Gehalt. Das demotiviert die Leute zwar, ist aber billig. Was aber noch wichtiger ist: Demotivierte sind leichter zufrieden zu stellen, weil sie nichts mehr erwarten. Sie brauchen weniger Aufmerksamkeit und arbeiten hart, um ihrer Selbstzweifel Herr zu werden. Es könnte schließlich schlimmer kommen!
Man kann darüber schmunzeln oder die Stirn runzeln – am Ende aber ist das eine recht veritable Managementtheorie. Nicht zuletzt deshalb, weil sie mich mit der nagenden Frage zurücklässt, was die Unternehmen heute tatsächlich hinter ihrer Rhetorik vom Mitarbeiter als „wichtigstem Kapital“ verbergen. Denn das, was Kersten beschreibt, ist in vielen Unternehmen schon heute Realität. Merke: Nur weil du nützlich bist, heißt das nicht, du wärst auch wichtig.
Wolle - 11. Mai, 17:52

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