Mixury

Es regnet wieder in der Stadt. Gestern waren es dicke, schwere Tropfen, die sich mit einem leichten Grollen aus den Wolken verabschiedeten bevor sie auf das Straßenpflaster schlugen. Heute sind es eher dünne Bindfäden. Dicht wie ein Vorhang, hinter dem die Menschen in dunklen Einfahrten oder schummrigen Bars verschwinden. Es ist schlagartig kalt geworden, in den Pfützen schwimmen Zigarettenkippen, die der Regen ausgelöscht hat, und die Nässe kriecht dir langsam durch die Schuhe bis in den Rücken rauf.

Die vergangenen Tage waren: hektisch. Kein ungewöhnlicher Zustand in meinem Leben. Aber auf Dauer ist es natürlich nicht gut - weder für Körper, noch für Seele -, sich tagelang von Espresso zu ernähren, die Augen vor Computerbildschirmen zu ruinieren und auf jede Form von Zerstreuung zu verzichten. Ich musste raus, wollte ausgehen und einkehren. Mit ihr. In eine Bar. Eine neue.

Eine gute, neue Bar zu finden, ist ungefähr so leicht, als würde man versuchen aus einem Feuerwehrschlauch zu trinken. Ständig eröffnen irgendwo irgendwelche wahnsinnig angesagten Läden, in die dann genauso wahnsinnig angesagte Menschen in noch angesagteren Hemdchen wackeln, um zu festzustellen, wie wenig angesagt die anderen sind, die sich hier auch gerade dem Ich-bin-zu-geil-für-diese-Welt- Popularitätstest unterziehen. Also im Prinzip wie überall – nur dass die Drinks tatsächlich erschreckend oft nach Feuerwehrschlauch schmecken. Mir war nach guten Drinks; nach Geschichten, die auf der Zunge zergehen, nach Gefühlen, die man schmecken kann und die Schluck um Schluck die Wangen wärmen. Mir war weniger nach angesagten Menschen, dafür mehr nach dunklem Holz und gedämpftem Licht, nach leiser Musik und braunem, speckigem Leder, das leise ausatmet, während man darin allmählich versinkt. Mir war nach der Shepheard Bar.

Ich fand sie im Internet. Anders wäre es auch schwer geworden. Es gibt kein Außenschild, keine Werbung. Nur eine kleine Seitentür und eine schmale Treppe, die hinab ins Souterrain führen. Eine livrierte Barmaid nimmt uns die Mäntel ab, führt uns über das Ahornparkett in das reservierte Separee. An den Wänden dimmen erdfarbene Fließen das Licht warmorange; die spärliche und keineswegs kitschige Dekoration stammt teils von Belgischen Flohmärkten und erinnert an eine Melange aus japanischen, arabischen und afrikanischen Antiquitäten. Dann stellt sich der Barmanager persönlich vor. Er heißt Mirko Gardeliano, sieht ein bisschen aus wie der junge Al Pacino, den er sehr verehrt, und ist Italiener. Single ist er auch. Auch das erzählt er, natürlich mit italienischem Akzent und einem charmanten Lächeln, was der ganzen Vorstellung zugleich etwas sehr persönliches gibt und einen vergessen lässt, dass man sich gerade in einer Bar fläzt und nicht bei sich zuhause auf der Couch im Wohnzimmer.

Im Wohnzimmer habe ich allerdings auch keine 60 Sorten Whisky, über 20 Zigarrensorten und eine Karte mit rund 200 Cocktails, darunter mehr als 50, teils preisgekrönte Eigenkreationen. Dieser Katalog ist keine Cocktail-, sondern eine Speisekarte – es gibt Drinks mit Lychee und Mango, mit Pfeffer und Peperoni, mit Sardellen oder Balsamico, sogar Ovomaltine mixt, schüttelt oder rührt Gardeliano unter. Dazu gibt es Oliven, Chips und eine bezaubernde Barmaid, die einen nicht nur persönlich berät, sondern auch anerkennt, dass man zwar viel über Geschmack reden und noch mehr streiten kann, am Ende aber der Gaumen entscheidet. „Wenne eine Drink, den wir empfehle, nichte ssmeck“, sagt Gardeliano, „nehme wir dene kostenlos zuruck.“

Wir nehmen einen „Scarface“. Der ist giftgrün, schmeckt nach feurigem Pfeffer und frischer Minze und erzählt eine sepiafarbene Detektivgeschichte inmitten von schwarzen Autos mit Weißbandreifen und klebrig-salziger Sommerluft in New Orleans. „Verdammt“, denke ich, „das ist guter Stoff“ und bestelle noch einen und noch einen. Und das nächste, was ich merke, ist, dass ich hier vor meinem Laptop sitze und immer noch in dieser Geschichte stecke. Aber draußen scheint jetzt die Sonne.

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